Leseprobe: Gods of Azura

 

Blitze zuckten durch das Dunkel. Sie wurden von lautem Donner, pfeifendem Wind und prasselndem Regen begleitet. Die Nacht war finster und kalt. Streckte man seine Hand aus, so verlor sie sich rasch in der Dunkelheit, und hob man den Kopf, so bekam man sofort die Peitschenhiebe des eisigen Sturmes zu spüren.

Jeder Mensch, der zu dieser Zeit an das Fenster seiner Unterkunft getreten wäre, hätte ein solch unfreundliches Wetter für ein schlechtes Omen gehalten. Doch für eine ganz besondere Frau war diese stürmische Nacht die glücklichste ihres Lebens, obwohl sie unter beinahe unerträglichen Schmerzen litt und schon bald in das Antlitz des Todes blicken würde.

Der Schauplatz der schicksalhaften Ereignisse, die der Auftakt zu einem wundersamen Abenteuer werden und in einer gewaltigen Schlacht zwischen den Völkern Azuras gipfeln sollten, war eine einsame namenlose Insel inmitten des tiefschwarzen Ozeans.

Die werdende Mutter lag auf einem schlichten Podest aus hartem Stein. Ihre nackten Beine waren gespreizt, und auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Um das provisorische Lager hatten sich engste Angehörige versammelt. Sie alle warteten gespannt auf die Geburt des Kindes. Obwohl die schmerzerfüllten Schreie der Mutter ihre Trommelfelle in Mitleidenschaft zogen, hörte man außerhalb der Höhle, in der sie sich befanden, keinen einzigen der Laute. Das Grollen des Donners und das Pfeifen des Windes übertönten jedes andere Geräusch mit Leichtigkeit.

Nichtsdestotrotz wurden zwei feindlich gesinnte Reisende auf den Geburtsritus aufmerksam. Wie aus dem Nichts erschienen die beiden großgewachsenen Wesen im nahegelegenen Tal, das von alten und hohen Bäumen mit prächtigen Kronen umschlossen war. Sie hatten die weiten Kapuzen ihrer roten Mäntel über die Köpfe gezogen und gingen leicht gebückt. Ernst und entschlossen erklommen sie den Weg, der sie auf den Hügel mit der Höhle führte, dem Zufluchtsort ihrer Beute.

Dort war die Geburt mittlerweile bereits vollzogen. Eine Amme hielt das schreiende blutbefleckte Kind in die Höhe und begutachtete es mit gerunzelter Stirn, bevor sie es seiner Mutter in die Arme legte. Im flackernden Schein des Kerzenlichtes konnte man sehen, wie die Sorgen von den aufgewühlten Gesichtern der Eltern verschwanden. Ihre Ängste und Zweifel schienen auf einmal wie weggespült.

»Sein Name ist Xin«, verkündete die Mutter mit leiser und schwacher Stimme.

»Er wird ein starker und gerechter Krieger«, fügte der Vater lächelnd hinzu.

Als ob es die Worte seiner Eltern verstanden hätte, ließ das Neugeborene ein glucksendes Geräusch, gleich einem Lachen, hören, bevor es wieder zu schreien begann.

Plötzlich wurde die Höhle von einem Blitz erleuchtet, und der ohrenbetäubende Knall des Donners folgte sofort. Alle Köpfe drehten sich in Richtung Höhleneingang, wo zwei fremde Gestalten auftauchten – große unheilvolle Wesen in langen roten Mänteln.

Nun schien es, als ob jeglicher Lärm von außerhalb der Höhle verschwunden war. Das Donnergrollen und der heulende Wind waren kaum mehr zu hören. Im Gegensatz dazu wurde das Geschrei des Neugeborenen lauter und hysterischer, doch ihm galt keine Aufmerksamkeit mehr, denn alle Blicke ruhten nun auf den beiden Neuankömmlingen mit den scharlachroten Gewändern.

Die größere Gestalt schlug ihre Kapuze zurück. Darunter kam das markante Gesicht eines Mannes mittleren Alters mit breiter Nase und ausdruckslosen Augen zum Vorschein. Sein Mund war zu einem Grinsen verzogen, und auf seinem Kopf befand sich langes glattes Haar, das silbern glänzte. Jeder der Anwesenden wusste, um wen es sich hierbei handelte.

»Yasa«, knurrte der Vater des Neugeborenen. Seine Hand, die auf der Schulter seiner Geliebten ruhte, versteifte sich.

»Ganz recht«, murmelte der Mann mit den silberfarbenen Haaren. Er trat langsam vor, streckte seinen rechten Arm in die Höhe und breitete seine Finger aus.

Einer der Blitze, die außerhalb wüteten, änderte seinen Kurs und schoss in die Höhle. Wie ein tödliches Projektil mit wahnwitziger Geschwindigkeit schnellte er durch den natürlichen Hohlraum und durchbohrte zwei der Anwesenden.

Noch bevor die beiden Körper der Astra, die sich in dieser Nacht hier eingefunden hatten, um der Geburt eines Kindes beizuwohnen, auf dem kalten Boden aufprallten, begriff die Mutter des Neugeborenen, dass es zu spät war, um alle ihre Freunde retten zu können. Sie lag immer noch auf dem steinernen Podest und war zu schwach, um sich erheben zu können. Aus diesem Grund tat sie das einzig Mögliche und drückte ihr Kind in die Hände ihres Geliebten.

In dem Moment, in dem sie das Baby losließ, fühlte sie einen unvorstellbar quälenden Schmerz in ihrer Brust. Wie hatte es dazu kommen können, dass ihr eigenes Kind nicht länger als wenige Sekunden die gütige Wärme seiner Mutter erfahren durfte?

Der Vater sah sein Kind an, und dann die Frau, die er liebte.

»Du verlangst zu viel«, flüsterte er.

Um die Eltern war Chaos ausgebrochen, denn die anwesenden Astra, welche einen Schutzring um die dreiköpfige Familie gebildet hatten, führten nun einen erbitterten Kampf gegen die Eindringlinge mit den roten Gewändern. All das war in diesem Moment völlig unbedeutend für das sich liebende Paar.

Die Mutter war den Tränen nahe, bemühte sich jedoch zu lächeln.

»Es ist gut so. Bitte, bring ihn in Sicherheit.«

Sie verabschiedeten sich stumm. Beim nächsten Donnergrollen war der Vater bereits verschwunden.

In der Höhle befanden sich nun nur noch die Mutter und die beiden Männer in den roten Mänteln. Alle anderen lagen leblos auf dem Steinboden, der immer noch von einigen Kerzen, welche dem Wind nicht nachgegeben hatten, beleuchtet wurde. Wieder hatte das Schicksal tote Astra gefordert.

Yasa, der Mann mit den silbernen Haaren und den ausdruckslosen Augen, welcher die Schuld für dieses Massaker trug, schritt auf das Podest in der Mitte der Höhle zu. Sein Herzschlag hatte sich beschleunigt, und er fühlte sich überaus erregt, denn bald würde er am Ziel seiner Träume angelangt sein.

Mit einem hässlichen Grinsen im Gesicht beugte er sich über die heftig keuchende Mutter, die ihre Augen kaum geöffnet halten konnte. Als sie Yasa anblickte, überkam sie ein Gefühl der Übelkeit.

»Wie wunderschön du bist, selbst nach einer solchen Tortur«, flüsterte Yasa und wischte der nackten Mutter eine Strähne ihres goldenen Haares aus dem Gesicht. »Es ist eine Schande, dass du nicht als Nova geboren wurdest.«

Ein Schrei hallte durch die Höhle. Yasa taumelte zurück und griff sich an die Wange. Er spürte warmes Blut auf seiner linken Gesichtshälfte. Erzürnt verpasste er der Mutter eine schallende Ohrfeige.

»Wie kannst du es wagen, mich anzugreifen?«, knurrte Yasa.

»Ich bin stolz darauf, eine Astrum zu sein«, sagte die Mutter bestimmt. »Und dieser Stolz wird in meinem Sohn weiterleben – er wird selbst dann weiterleben, wenn du uns alle getötet hast.«

Yasa lächelte.

»Das wollen wir doch einmal sehen.«

Etwa fünfzehn Minuten nach dem Tod der Mutter hatten die beiden rot gekleideten Männer den Vater eingeholt. Die unbeschreibliche Verfolgungsjagd durch den düsteren Wald der einsamen Insel endete mit dem Sturz des Flüchtenden. Während der Vater im Schlamm liegend sein neugeborenes Kind mit einem Schutzzauber versah, ging Yasa gelassen und siegessicher auf ihn zu.

Schwere Regentropfen fielen auf den aufgeweichten Waldboden und wirkten dabei wie Tränen des Himmels. Der Begleiter Yasas blieb in einiger Entfernung stehen. Yasa selbst hingegen, dessen durchnässte Haare an seinem Kopf klebten, wollte nicht ruhen, bis er auch noch die letzten beiden Astra getötet hatte.

»Wie viele?«

»Was meinst du?«, kicherte Yasa höhnisch.

»Wie viele Astra sind noch übrig?«

Der Vater schloss seine Arme um das Kind und blickte voller Verzweiflung in Yasas Gesicht. Dieser antwortete zunächst nur mit einem dämonischen Lachen, das seinem Gegenüber einen Schauer über den Rücken jagte.

»Niemand ist übrig«, sagte der Schurke mit dem silbernen Haar dann und zeigte mit dem Finger auf das Neugeborene. »Alle sind tot. Jetzt fehlen nur noch du und das da.«

Wild schüttelte der Vater den Kopf.

»Niemals.«

Kurz bevor Yasa reagieren konnte, warf der Vater sein Kind in die Höhe. Das Baby, eingewickelt in schmutzige Stofffetzen, segelte eine kurze Zeit lang durch die Luft und löste sich dann plötzlich auf. Zurück blieben nur die Lumpen, die zu Boden fielen und im Schlamm landeten.

»Du Narr!«

Yasa beschwor einen weiteren Blitz und ließ ihn durch den Körper seines am Boden liegenden Feindes fahren. Der Vater starb mit Tränen in den Augen und mit einem Lächeln auf den Lippen.

Langsam griff Yasas vermummter Begleiter nach den im Dreck liegenden Lumpen und hielt sie anschließend in die Höhe, wie um einer stummen Warnung Ausdruck zu verleihen.

»Ich werde dieses Kind schon noch finden«, grunzte Yasa und spuckte auf die durchlöcherte Leiche zu seinen Füßen. »Ich werde es finden.«

Die Novae, jene Männer in den roten Mänteln, welche nun kaum ihre unbeschreibliche Wut bändigen konnten, hatten zwar den Großteil der Astra getötet, doch dieses eine Kind hatten sie nicht weiter verfolgen können. Ganze sechzehn Jahre warteten die Novae vergeblich auf eine Spur dieses Kindes mit dem Namen Xin.

Das Baby erschien mehrere tausend Kilometer entfernt auf einer kleinen Insel namens Maradonien. Auch hier herrschte ein Unwetter, und die Regentropfen, welche von den dunklen Wolken nicht mehr gehalten werden konnten, prasselten auf das Kind herab, so als wollten sie es unsanft reinwaschen. Es schrie aus Leibeskräften, doch nicht wegen der eisigen Kälte der Nacht und auch nicht wegen des brutalen Windes, der das Heulen eines Wolfsrudels perfekt imitierte – sondern aufgrund der Tatsache, dass es spürte, wie seine Eltern und der Rest seiner Familie es für immer verlassen hatten … und das, obwohl sich das Neugeborene später an die grausame Tat der Novae glücklicherweise gar nicht erinnern können würde.

Was blieb, war ein Gefühl der Leere.

 

Dunkelheit.

Außer Dunkelheit gab es nichts mehr. Da waren verschiedene Grautöne, die sich zu einem Strudel der Finsternis vermengten, und da war das Geräusch von tosendem Wind und polterndem Donner – zu all diesen Empfindungen gesellte sich die kalte Umarmung des Wassers. Das Meer hatte ihn in die Tiefe gezogen und beinahe nicht mehr freigegeben.

Dann wurde es wieder heller, erst kaum merklich und dann mit einer überraschenden Schnelligkeit, und schließlich gelang es Clay, seine Augen zu öffnen. Das Tageslicht blendete, und sofort setzten unerträgliche Kopfschmerzen ein. Unter lautem Gestöhne griff sich der sechzehnjährige Astrum an die Stirn, um die Schmerzen zu vermindern, doch es wurde nur noch schlimmer.

Schlagartig erinnerte sich Clay an die Ereignisse, die ihn hatten ohnmächtig werden lassen. Vor seinem geistigen Auge tauchten schreckliche Bilder auf – eine Frau, die von einer Kiste zerquetscht wurde, ein Mann, der von einem Blitz erschlagen wurde, ein schwebender Nova, der alles vernichtete.

Clay setzte sich auf, beugte sich vornüber und übergab sich. Der Gestank seines Erbrochenen stieg ihm in die Nase und verschlimmerte die Kopfschmerzen weiter. Um nicht an den quälenden Erinnerungen oder Umwelteinflüssen zugrunde zu gehen, kauerte sich der Jugendliche zusammen und versuchte sich nicht zu bewegen, was sich aufgrund seines heftig zitternden Körpers als schwierige Aufgabe herausstellte. Erst nach etlichen Minuten konnte Clay seine Augen geöffnet halten, ohne gleich wieder diese unerträgliche Übelkeit zu verspüren.

Er befand sich an einem Strand. Weit und breit gab es nichts zu sehen – bis auf die von den Wellen angespülten Teile des Schiffes sowie Möwen, die zwischen ihnen nach Futter suchten. Die friedlich wirkende Szenerie war trügerisch. Es war in der Tat sehr ruhig, doch das bedeutete nur, dass sich keine anderen Menschen in der Nähe aufhielten.

»Hallo?«, rief Clay. »Hallooo!«

Die Möwen flogen davon.

»Irgendjemand?«

Niemand antwortete.

Erschöpft ließ sich Clay wieder nach hinten in den Sand fallen. Er starrte zum wolkenlosen Himmel empor, an dem die Sonne prangte und gelassen Licht und Wärme spendete.

Für ihn gab es keinen Zweifel, dass er selbst die Schuld an dem Tod der Seefahrer und Passagiere trug, denn immerhin war er es gewesen, der über die Novae und deren Taten in Utopia gegrübelt hatte. Er fragte sich, wie viele unschuldige Menschen ihr Leben hatten lassen müssen.

Clay verdrängte die düsteren Gedanken und stand auf. Zunächst gab sein linkes Knie nach, doch bereits beim zweiten Versuch fand er einen sicheren Halt.

Bevor er sich von dem Strand zurückzog, untersuchte er die Umgebung. Er entdeckte keine anderen Menschen, weder lebende noch tote, trotz der gründlichen Suche zwischen den Überresten des Schiffes. Obwohl er damit rechnete, jederzeit einen Seefahrer mit von einem Holzstück in der Größe eines ausgewachsenen Wolfes durchbohrter Brust zu Gesicht zu bekommen, sah er nur eine menschenleere und trostlose Landschaft. Schließlich stapfte er landeinwärts, ziellos und niedergeschlagen.

Der junge Abenteurer befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Sein helles Haar war zerzaust, sein Gesicht war von Kraftlosigkeit gezeichnet, und sein gesamter Körper schmerzte. Die nackten Füße verbrannten beinahe aufgrund des heißen Sandes, und sowohl Hunger als auch Durst plagten ihn. Das helle Hemd und die dunklen Hosen, die Clay getragen hatte, waren nun nichts weiter als zerschlissene und schmutzige Lumpen. Dennoch; Clay war froh, dass er lebte.

Allmählich verschwand der Sand, und an seine Stelle trat trockener Erdboden. Mit jedem Schritt kam Clay einer saftig grünen Wiese näher, und schließlich befand er sich am Rand einer weiten Ebene.

Das Grasland erstreckte sich bis an den Horizont. Überall gab es merkwürdige Pflanzen zu bestaunen, die Clay nie zuvor gesehen hatte. Die Bäume trugen ihm unbekannte Früchte in verschiedenen Farben, und der Wind war kühl und angenehm.

Trotz der Tatsache, dass man weit und breit kein Anzeichen von Leben erkennen konnte, schöpfte der Astrum neuen Mut. Er setzte seinen Marsch mit etwas aufgeheiterter Laune fort und ging in die Richtung, in die seine Füße ihn trugen, wie ein Mensch, der nichts mehr zu verlieren hat.