Leseprobe: beneath the Hollow Moon

 

Unsere Geschichte beginnt am fantastischsten Ort, den ein Mensch sich nur vorzustellen vermag. Einst lebten dort derart viele magische Wesen, dass man die uralte Macht förmlich mit den Händen ertasten konnte. Man denke nur an all die unvergleichlichen Legenden, Fabeln und Sagen, die hier entstanden.

Dieser Ort galt als Zentrum der Natur, als Mittelpunkt der Magie, sogar als Kern des Übernatürlichen. Tatsächlich jedoch waren diese Wunder, in Ermangelung eines besseren Wortes, nach und nach aus den Gebieten der Menschen verschwunden, nahezu vertrieben worden. Also war er vielmehr eine Art letzter Festung, der Zufluchtsort der Tiere und das Zuhause der Magischen; der Wunderforst.

Selbst wiederholte Versuche, ihn niederzubrennen, waren vergebens gewesen. Nicht einmal die vielen Jahre der Jagd auf die magischen Geschöpfe, die hier Unterschlupf fanden, hatten die Schönheit des mystischen Waldes gemindert. An diesem besonderen Tag war er sogar prächtiger, als er es in seinen frühesten Zeiten gewesen war.

Wärmende Strahlen der Abendsonne drangen durch das Blätterdach und erfüllten den Wunderforst mit wohligem Licht. Der ungemütliche Nebel, der den ganzen Tag über den Baumkronen geschwebt war, hatte sich endlich zurückgezogen. Sämtliche schattigen Plätzchen im Wald waren nun ideale Orte für einen kleinen Aufenthalt zur Erholung der müden Knochen.

Die hohen Bäume waren mit allerlei Gegenständen geschmückt, welche die Waldbewohner den Menschen entwendet hatten – da hingen etwa alte Schuhe und bunte Mützen an den Ästen. Zwischen einigen Stämmen waren Tücher gespannt worden, auf die ein Lemur krakelige Zeichen gekritzelt hatte, sodass nun ›geniezt die shöne zeit‹ darauf zu lesen war.

Auch die intelligenteren Tiere hatten zur Dekoration beigetragen. Die vielen roten Laternen, die auf kleinen Ästchen sowie in breiten Büschen anzufinden waren und wie ein Meer leuchtender Tomaten wirkten, waren beinahe unbedeutend im Hinblick auf die abertausenden schwebenden Kerzen, die von Marderhunden durch die Kraft der Windmagie in der Luft gehalten wurden.

Auf dem Erdboden befanden sich zudem dutzende Statuen, die aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt worden waren. Ein geschicktes Schwarzbärjunges hatte etliche Holzkisten aufeinandergestapelt und sie mit dem breiten Hut eines Reisbauern gekrönt. Zwei Hasendamen mit weißen Fellen, die soeben an dieser merkwürdigen Skulptur vorbeiliefen, würdigten sie keines Blickes, denn ihre eigene Konstruktion, einen Haufen wild durcheinandergeworfener Suppenschalen, fanden sie weitaus beeindruckender.

In regelmäßigen Abständen waren kleinere Tiere zu sehen, welche für fröhliche Musik sorgten. Bunte Vögel trällerten ihre besten Lieder, und eine Gruppe von Mäusen versuchte, auf einer Bambusflöte zu spielen. Am lautesten waren jedoch zweifellos die Affen, welche sich hoch über den Köpfen der anderen von einem Baum zum nächsten schwangen und dabei ordentlich Radau machten.

Die Erklärung für diese eigentümliche Versammlung der Waldbewohner war eine Festlichkeit, die alle zehn Jahre stattfand. Jene, denen dieses Fest gewidmet war, folgten dem ausgetretenen Pfad zwischen den Stämmen der Bäume hindurch; in Schlangenformation und in Begleitung ihrer Angehörigen, die Blicke aller anderen auf sich ziehend.

Auch Oichi hatte sich eingereiht. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, während sie versuchte, weder jemanden vor sich noch hinter sich anzurempeln. Mehrere Male drehte sie ihren Kopf, um möglichst alle Skulpturen und Dekorationen zu Gesicht zu bekommen. Das rege Treiben im Wald war eine neue Erfahrung für sie, zumal die Bewohner des Wunderforstes normalerweise träge und stille Gesellen waren – doch der Grund für die Festlichkeit bewahrte sie vor Freude und Aufregung. Viel eher war dieses Fest der Quell ihrer Trauer.

Oichi war eine waschechte Kitsune. Sie war ein fünfzehnjähriges Mädchen und unterschied sich nicht sehr von menschlichen Wesen. Tatsache war, dass sie mehr Ähnlichkeit mit Menschen als mit den Tieren dieses Waldes hatte. Auch ihre Freizeitbeschäftigungen waren den der Menschen nicht unüblich, denn am liebsten genoss sie selbst zubereitetes Essen oder lauschte den Geschichten älterer Generationen. Manchmal spielte sie auch mit Murmeln oder versuchte sich an der Kunst, wenn ihr langweilig war.

Nichts an Oichis Verhalten oder Vorlieben hätte einen Magielosen abgeschreckt. Dennoch waren magische Wesen wie sie nicht dazu bestimmt, mit Menschen zusammenzuleben, weshalb der abgeschiedene Wunderforst ihre Heimat und gleichzeitig ihren einzigen Zufluchtsort darstellte.

Kitsune waren hochintelligente und magiebegabte Füchse in menschlicher Gestalt. Sie wurden durchschnittlich etwa zwei Meter groß – Oichi war mit ihren einhundertundzweiundsechzig Zentimetern etwas klein geraten – und besaßen schlanke aber muskulöse Körper mit heller Haut. Die Iriden ihrer Augen leuchteten rötlich, ihre Eckzähne wirkten außergewöhnlich spitz, und Nägel der Finger sowie Zehen waren lang und scharf.

All das hätte eine Kitsune nicht drastisch von einem Menschen unterschieden – anders sah es jedoch mit den Ohren aus. Von gewöhnlichen Hörorganen waren diese weit entfernt, denn die Ohren einer Kitsune waren spitz und behaart, wie die eines Fuchses. Zudem besaßen diese Wesen noch ein weiteres ungewöhnliches Merkmal. Der Rücken einer Kitsune war nämlich mit orangerotem Fell überzogen, und an dessen unterem Ende reckte sich ein buschiger Fuchsschwanz in die Höhe. Der Schweif einer Kitsune war der Sitz ihrer magischen Quelle, so hieß es. Und gleichzeitig war er der Grund für die Jagden auf sie.

Vor langer Zeit hatten Menschen und Kitsune in Harmonie zusammengelebt. Oftmals hatten die Menschen die magischen Wälder besucht und die Wesen mit den Fuchsohren um magischen Beistand gebeten. Doch dieses Brauchtum war inzwischen in Vergessenheit geraten. Seit dem Tod des siebten Nachfolgers von Ben dem Eroberer vor vier Jahrhunderten und dem daraus resultierenden Krieg um die Vorherrschaft der Insel Kenka war die Menschheit dem Wahn verfallen.

Der große Krieg von Kenka dauerte nun bereits einhundertundfünfzig Jahre an. Die Völker vereinende Hi-Dynastie, die von Ben dem Eroberer einst ins Leben gerufen wurde, war unbedeutend geworden – genauso wie das Versprechen an die Natur, den Kitsune und vielen anderen magischen Wesen mit Respekt zu begegnen. In diesem großen Krieg kämpften die Samurai des Ostens gegen die Ritter des Westens. Wie ein tödlicher Sturm wütete dieser Krieg, und ein Ende war nicht abzusehen. Obwohl es immer wieder Waffenstillstände gab, die mehrere Jahrzehnte dauern konnten, schienen weder die Ritter noch die Samurai ruhen zu wollen, bis ihr Feind kapitulierte und die fruchtbare Insel Kenka verließ.

Es war nur verständlich, dass die Menschen sich gegen die Natur richteten, wenn sie einen Vorteil daraus ziehen konnten. Im Laufe der Zeit waren die Samurai zu verbitterten Kriegern geworden, die selbst vor der Ermordung magischer Wesen nicht zurückschreckten. Die Schweife der Kitsune galten als Talismane, und deshalb wurden diese Füchse in Menschengestalt aus Prestigegründen gejagt. Jene Tradition war vor vier Jahrhunderten geboren worden, als Ben der Achte gestorben war, ohne einen Thronfolger hinterlassen zu haben. Die Jagd auf die Kitsune wurde immer öfter abgehalten. Wald für Wald wurde niedergebrannt. Nun war der Wunderforst der einzige sichere Rückzugsort aller magischen Wesen geworden.

Mittlerweile gingen die Samurai jedes Jahr auf die Jagd – nachts, in den Wochen nach der Sommersonnenwende, aber nur wenn sich der Mond rot färbte. Dieses alle vierzig Tage stattfindende Naturphänomen interpretierten die Menschen als Zeichen der Götter, welches das neue und schreckliche Brauchtum einläutete.

Bei einer solchen Jagd hatte Oichi ihre Schwester verloren. Viele Kitsune hatten sterben müssen; nur noch wenige ihrer Art existierten. Doch Oichi war eine starke junge Frau. Sie hatte den Verlust ihrer Schwester und ihrer Freunde überwunden. Sie konnte ihr Leben im Wunderforst trotz allem genießen. Dennoch war dieser heutige Tag ein finsterer für sie.

Oichi, gekleidet in ein weißes Gewand, mit einer Kette samt Anhänger um den Hals, war am Ende des Waldweges angelangt. Beinahe alle Bewohner des Wunderforstes waren hier zusammengekommen, um der Festlichkeit beizuwohnen. Jeder blickte gebannt auf das große Steinmonument, das sich auf einem kleinen Hügel vor ihnen befand. Einst war darauf die Inschrift ›Friede zwischen Mensch und Natur‹ zu sehen gewesen, doch irgendein Tier hatte viele Jahre zuvor die ersten vier Worte unkenntlich gemacht.

Dort, zwischen der Menge und dem Monument, stand auch ein eindrucksvoller Hirsch mit prächtigem und buntem Geweih. Sein Anblick raubte vielen Tieren den Atem, denn sein Gesicht spiegelte trotz der mitfühlenden Augen eine unerschütterliche Strenge wider. Man erzählte sich, dass seine Tränen den Tod eines Sterblichen ungeschehen machen können. Als er sprach, bewegte er seinen Mund nicht, doch alle konnten seine klare Stimme vernehmen.

»Wir haben uns heute hier versammelt, um den Abschied unserer Ältesten zu feiern.«

Stille kehrte ein. Die Vögel schwiegen, die Mäuse legten ihre Flöten beiseite, und das Geschrei der Affen erstarb. Nur das Rascheln der Blätter war noch zu hören.

»Vor zehn Jahren verließen uns ihre Vorfahren«, fuhr der Hirsch fort, »und nun ist es erneut an der Zeit, Lebwohl zu sagen.«

Gemeint war eine Tradition, nach der kranke oder alt gewordene Wesen des Wunderforstes nicht dem Tod erliegen sollten, sondern stattdessen zu einer weit entfernten Insel namens Mu reisen durften, wo die Zeit langsam verging und Leid nicht existierte.

Oichi senkte den Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Eine wunderschöne Frau an ihrer Seite lächelte und strich ihr sanft über das rotblonde Haar, das dem Mädchen bis zu den schmalen Hüften reichte.

Nach und nach rief der strenge Hirsch Namen auf. Zuerst trat ein dicker Tanuki, ein Marderhund, namens Sakon mit Gehstock auf den Hügel mit dem Steinmonument. Ihm folgten zwei große getigerte Katzen, die als Kai-Zwillinge bekannt waren und laut einer Legende das Gesicht eines gefürchteten Samurai zerkratzt hatten.

Dann fiel der Name von Oichis Mutter. Die fünfzehnjährige Kitsune kämpfte gegen ihre Tränen an, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihr hübsches Gesicht mit der Stupsnase benetzt wurde. Ihre Mutter Omei küsste sie ein letztes Mal auf die Stirn und gesellte sich danach zu den anderen alten Wesen auf dem Hügel. Sie dort oben am Monument, nur wenige Meter von sich entfernt, stehen zu sehen, brach Oichi beinahe das Herz. Dafür war sie noch nicht bereit.

»Wir verbeugen uns vor euch«, sagte der Hirsch, und so geschah es auch. Jedes Wesen senkte den Kopf und zollte den vier Ältesten bei dem Steinmonument Respekt. Als sie eine Minute später wieder aufsahen, waren der Tanuki und die Katzenzwillinge sowie die Kitsune verschwunden.

»Geht in das ferne Land und verfallt der Unendlichkeit!«

Etliche Minuten lang traute sich niemand zu bewegen. Es war, als ob alle versammelten Wesen in tiefste Traurigkeit gestürzt worden wären. Plötzlich machte der majestätische Hirsch mit dem leuchtenden Geweih einen hohen Satz, sprang über die Köpfe der Anwesenden hinweg und verschwand im Schatten der einkehrenden Dunkelheit. Die Sonne ging unter, die Sterne erschienen am Firmament, und alle Wesen zogen sich zurück.

Nur Oichi wartete noch einige Stunden am Hügel, denn das große Steinmonument, das lange vor ihrer Geburt von Ben dem Eroberer hier errichtet worden war, spendete ihr Trost.

Vor einem Jahr hatte das Fuchsmädchen von den Plänen seiner Mutter erfahren. Es hatte mehr als dreihundert Tage Zeit gehabt, um sich auf diesen Moment vorzubereiten. Doch nun schien alles Schöne – jedes aufmunternde Wort, jede zärtliche Berührung, jeder erquickende Moment – in weite Ferne gerückt zu sein.

Was, wenn Oichi noch nicht bereit war, ohne ihre Mutter in diesem Wald zu leben? Was wäre, wenn sie mitten in der Nacht aufwachte, gebeutelt von der Erkenntnis, dass sie nie wieder mütterliche Liebe empfangen konnte?

Jetzt war es zu spät. Sie war allein.

Niemand würde sie je wieder trösten können. Es war Zeit, erwachsen zu werden. Aber noch nicht heute.

Oichi schmiss sich auf den Boden, hämmerte mit ihren Fäusten auf den Erdboden ein und vergoss viele Tränen, während sie immer wieder laute Klageschreie ausstieß. Niemand kam, um ihr beizustehen, denn mit diesem Schmerz musste sie selbst fertig werden.

Ihre Mutter befand sich indes mit den anderen drei Ältesten auf einem Boot, das in Richtung Mu fuhr; einem mystischen Ort, der auch das ferne Land genannt wurde. Dies war der einzige Platz auf der Welt, welcher vollkommen friedlich war, und sogar noch sicherer als der Wunderforst. Kein Mensch wusste von seiner Existenz. Dort, inmitten von gigantischen Ginkgobäumen und hohen Bergen, würden die alten Wesen die ihnen verbleibende Zeit genießen und dem Tod gelassen entgegensehen können. Sie segelten nach Mu, um zu sterben. So war es Tradition.