Leseprobe: beneath the Colourful Stars

 

Aurelia Tama stand auf dem höchsten Turm und überblickte eine Stadt, welche ihr gehörte aber niemals ihre Heimat sein würde. Das grelle Licht des Tages musste der sanften Dunkelheit der Nacht weichen. Obwohl man von hier keineswegs alle Gebäude und Plätze einsehen konnte, wusste sie genau, wo sich ihre Töchter aufhielten.

Sie konnte es nicht wissen, doch sie ahnte, was ihre Kinder an diesem Abend getrieben hatten. Es war sehr wahrscheinlich, dass Selena davongelaufen war, um mit den gleichalt­rigen Kindern der Soldaten zu spielen. Möglicherweise hatte sie wieder etwas ausgeheckt, das sie in Schwierigkeiten bringen würde. Vermutlich war Helena pflichtbewusst genug ge­wesen, um ihre Verabredung einzuhalten. Es konnte allerdings durchaus sein, dass das Treffen nicht wie geplant gelaufen war. Und wie immer lag Aurelia richtig.

Es war eine Laune des Schicksals gewesen, dass sie Zwillinge bekommen hatte. Dass ihre beiden Töchter so unterschiedlich waren, so zerrissen wie sie selbst. Spiegelten die beiden Kinder nicht exakt ihre Gefühle für dieses Reich wider? Auf der einen Seite die hellen Momente, die Freiheit, stolz sein zu können. Auf der anderen Seite die dunklen Momente, die Gefangenschaft, ängstlich sein zu müssen. War es nicht so, dass ihre Kinder zwei Seiten einer Medaille waren? Und es war gewiss, dass sie eines Tages aufeinandertreffen würden, wie Sonne und Mond kollidieren würden, sich wie Licht und Finsternis gegenseitig vernichten würden, und dass die zwei schönen Blumen ihre Blüten verlieren würden.

Aber ein Mensch kann niemals das Schicksal aller Menschen erkennen. Und so würde Aurelia Tama niemals erfahren, dass ihre beiden Töchter einst ein Kind erhalten würden, das sowohl Helena als auch Selena als Mutter bezeichnen würde, das Licht und Finsternis in sich vereinen würde, das perfekt für Tama sein würde.