Zara

Zum ersten Mal habe ich Zara getroffen, da hat sie ein Cosplay-Kostüm getragen. Ich habe gerade erst wieder Kontakt zu meinem Cousin und meiner Cousine aufgenommen, durch einen Kollegen in der Arbeit, der zufälligerweise mit den beiden befreundet gewesen ist. Davor hat es in unserer Familie einige Streitigkeiten gegeben, weshalb wir alle für eine lange schmerzhafte Zeit nicht mehr miteinander gesprochen haben. Aber nun ist es wieder wie früher gewesen; wir sind gemeinsam durch die Stadt gezogen. Wir sind nicht auf Ärger aus gewesen oder haben andere Leute angepöbelt, sondern haben ein Mal ein schickes Restaurant besucht und ein anderes Mal im Park die bunten Blumen bestaunt – so etwas eben. Ich weiß gar nicht mehr genau, wer von meinen Freunden sich mit Zara angefreundet gehabt hat. Wenn ich raten muss, würde ich sagen, dass Zaras Schwester gemeinsam mit meiner Cousine dieselben Kurse in der Universität besucht hat, und so ist sie Teil unserer Gruppe geworden.

Zara hat also in einem Kostüm gesteckt, das sie wie einen Charakter aus einem Rollenspiel aussehen lassen hat. Sie hat es getragen, weil sie zuvor eine Veranstaltung besucht hat. Wir haben sie mit dem Auto abgeholt, um an diesem Tag zu fünft noch ein wenig in der Stadt zu bummeln. Als sich Zara ins Auto gesetzt hat, haben sich unsere Blicke getroffen. Nachdem sie begrüßt worden ist und es sich auf dem Rücksitz direkt hinter mir bequem gemacht hat, sage ich den Namen des Charakters, dessen Erscheinung sie angenommen hat, und meine, dass das Kostüm nicht schlecht sei. Ja, sagt sie, und murmelt etwas von fünfter Generation, womit sie die einzelnen Teile der Rollenspielserie meint. Es sei die vierte Generation, erwidere ich automatisch, woraufhin sie mich lobt. Ich frage mit gespieltem Schock, ob sie absichtlich eine falsche Angabe gemacht hat, um mich zu testen, was sie mit einem verschlagenen Grinsen bestätigt.

Erst ein paar Tage später habe ich Zara ohne Kostüm getroffen, so wie sie wirklich ist, aber dieses eine Grinsen ist mir auch so im Gedächtnis geblieben. Sie hat lange dunkelblonde Haare, welche etwas gewellt sind, und ihre Augen leuchten hellblau. Mit der ziemlich breiten Nase und der hohen Stirn kann man sie nicht wirklich als typische Schönheit bezeichnen, aber ich habe sie auf Anhieb hübsch gefunden. Obwohl mir ihr dünner Körper nicht unbedingt zugesagt hat, hat sie dennoch eine gewisse Anziehung auf mich ausgeübt. Wir haben uns öfter getroffen, aber niemals alleine, denn mindestens einer unserer anderen Freunde ist stets dabei gewesen. In einem Gruppenchat haben wir durcheinander geschrieben und Informationen über dieses oder jenes ausgetauscht. Dadurch hat sie herausgefunden, dass ich mir vor einem halben Jahr einen Welpen gekauft habe, was sie dazu veranlasst hat, sofort Bilder ihrer fünf Hunde zu schicken. Ich habe herausgefunden, dass sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihren Eltern in einem bescheidenen Häuschen wohnt. Und dass sie eine Krankheit hat.

Für mehrere Wochen ist unser Kontakt nur oberflächlich gewesen, bis ich eines Tages in der Nähe ihres Wohnorts einen besitzerlosen Hund gefunden habe, der in den Mülltonnen nach essbarem Zeug gesucht hat. Als ich auf den Hund zugegangen bin, hat er an mir geschnüffelt und muss wohl beschlossen haben, mir vertrauen zu können. Einer inneren Eingebung folgend habe ich das Haus von Zara angepeilt, und der Hund ist mir gefolgt. Als ich an der Tür geläutet habe, hat mir ihre Schwester geöffnet. Da ist ein Ausdruck in ihrem Gesicht gewesen, der mir eine klare Botschaft übermittelt hat. Bleib bloß fern von ihr, und dass sie schon genug Probleme hätte, oder so etwas. Dasselbe habe ich im erschöpften Blick der Eltern gelesen. Doch dann ist Zara die Treppen heruntergelaufen und hat ihren Hund – denn der aufgelesene Schlingel ist tatsächlich eines ihrer Haustiere gewesen – in die Arme geschlossen. Sie hat sich bei mir bedankt und mich umarmt. Ich habe sie nie danach gefragt, aber bis heute glaube ich, dass dies ein weiterer Test gewesen ist. Immerhin ist dieses verschlagene Grinsen wieder aufgetaucht.

Nach diesem Vorfall haben Zara und ich uns öfter getroffen, und wir haben eine Menge über unsere Vergangenheit gesprochen. Obwohl ich eine schmerzhafte Trennung hinter mir habe und es in meinem Leben nicht ständig zufriedenstellend läuft, muss ich zugeben, dass Zara eindeutig die schlechteren Karten bekommen hat. Diese seltsame Krankheit, die in ihrem Körper wütet, zehrt sie aus und lässt ihre Kräfte schwinden. Viele alltägliche Dinge sind für sie zur Qual geworden. Dennoch hat sie nie zu lächeln verlernt. Und dieses Lächeln ist der Grund, warum ich mich in sie verliebt habe. Aber verliebt ist sie schon oft gewesen, und jedes Mal ist sie verlassen worden, wegen der Krankheit und deren Auswirkungen auf ihr Leben hauptsächlich. Das ist auch der Grund gewesen, warum mich ihre Schwester mit einem so geringschätzigen Blick bedacht hat. Sie hat das arme Mädchen davor schützen wollen, erneut das Herz gebrochen zu bekommen. Und vielleicht habe ich deshalb Distanz gehalten. Denn auch ich habe niemandem das Herz brechen wollen. Ich habe nicht gewusst, ob ich bereit bin, eine junge kranke Frau zu lieben. Also sind Zara und ich Freunde geblieben, nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt hat man ihr gesagt, sie hat nur noch etwa vierzehn Monate zu leben.

In den nächsten Wochen hat Zara immer mehr Vertrauen zu mir aufgebaut. Sie hat mir viele Geschichten erzählt, und durch jede dieser Geschichten habe ich sie mehr geliebt. Wir haben von den Rollenspielen gesprochen und den Helden der Filme und den gewaltigen Abenteuern der Literatur, denn das ist unsere Art gewesen, aus der Realität zu flüchten und in eine Welt voller Geheimnisse und Wunder zu gehen. Das hat mich beflügelt. Mir ist es allerdings schwer ums Herz geworden, als sie mich eines Tages, mitten in der Nacht, angeschrieben hat. In der Nachricht hat sie mich darum gebeten, mich um ihre fünf Hunde zu kümmern, wenn sie erst einmal gestorben sei. Es ist keine Kleinigkeit gewesen, kein einfacher Gefallen, sondern eine riesige Aufgabe, eine wichtige. Auch ist es keine Bitte gewesen, sondern ein Befehl beinahe. Ständig habe ich dieses verschlagene Grinsen in meinen Gedanken herumrasen gehabt. Ich habe abgelehnt und den Kontakt mit ihr abgebrochen. Ich habe keine Spielchen spielen wollen, entweder ganz oder gar nicht. Und ich habe mich nicht bereit gefühlt. Zumindest habe ich mir das einreden wollen.

Fast ein halbes Jahr später hat das Universum nicht länger still gehalten. All diese Gedanken, die mich in den letzten Monaten geplagt haben, sind hervorgebrochen. Und ich bin zu Zara gelaufen, um sie in meine Arme zu schließen. Ich werde mich um ihre Hunde kümmern, habe ich gesagt. Aber nur, wenn ich die Zeit, die uns noch bleibt, gemeinsam mit ihr verbringen dürfte. Ich habe ihr meine Liebe gestanden. Vermutlich hat sie es gewusst, von diesem ersten Blick an, von diesem ersten Grinsen.

Wir haben geheiratet, und ich habe Zara niemals enttäuscht. Sie hat kein weiteres Mal das Herz gebrochen bekommen, sondern hat den Rest ihres Lebens glücklich verbracht. Selbst als ich gestorben bin, ist sie nicht unglücklich geworden. Denn sie hat gewusst, dass ich sie nicht aus freien Stücken verlassen habe. Dass ich sie immer noch liebe. Und dass wir uns bald wiedersehen würden.

Zara, ich liebe dich.