twin genius

Jewellery J – so nannte sich die blonde Eurasierin zumindest an diesem Tag – wich dem Kinnhaken des stämmigen Mannes geschickt aus und setzte ihn mit einem Handkantenschlag gegen seine Schläfen außer Gefecht, in kürzerer Zeit als sich jemand die Nase hätte putzen können. Mit der halb aufgeknöpften weißen Bluse und den schwarzen Anzughosen wirkte sie wie eine kokette Kellnerin in einem vornehmen Restaurant oder eine Managerin mit Bedürfnis zur Entspannung, aber sie war keines von beiden. Tatsächlich war J eine der tödlichsten Frauen weltweit.

Wie war sie in eine solche Situation gekommen, umringt von mindestens einem Dutzend muskulöser Kerle, die nur darauf warteten, ihr die langen dünnen Finger zu brechen? Nun, in solchen Situationen fand sie sich oft wieder, nur sollte es gar nicht erst so weit kommen. Als Leibwächterin musste J dafür sorgen, dass jeder kleinste Hauch von Gefahr eliminiert wurde, bevor es zu einer solchen Konfrontation kam.

Aber ausnahmsweise war es nicht Js Fehler gewesen. In der Vergangenheit hatte sie oftmals überstürzt und unüberlegt gehandelt, was ihr etlichen Ärger mit ihrem Bruder, einem wahren Koloss voller Disziplin, beschert hatte. Doch inzwischen war sie erwachsen, eine professionelle Leibwächterin.

Schuld an diesem Fiasko waren diesmal ihre beiden Schützlinge, die Zwillinge – gerade einmal dreizehn Jahre alt, aber gerissener als die brillantesten Köpfe, jeder auf seine Weise.

Mit einem Trick hatten sie J in diese Kneipe voller ungemütlicher Schläger gebracht. Eine Wette war der Anlass gewesen. Die Zwillinge hatten behauptet, auch ohne Leibwächterin eine Schlägerei überleben zu können, selbst wenn sie diese selbst angezettelt hätten. Sie hatten nämlich ohne Aufsicht zu einem Kongress fahren wollen, was natürlich gar nicht in Frage gekommen wäre.

Also hatte J angeboten, die Zwillinge könnten alleine zum Kongress, wenn sie ihre Behauptung auch beweisen könnten. Der eine Zwilling, der klügere planende, war so verschlagen gewesen, bei einem Treffpunkt für gewaltbereite Biker eine Art Pheromon zu versprühen, sodass in Sekundenschnelle ein Kampf ausgebrochen und sich auch wieder gelegt hatte, ohne dass er auch nur einen Kratzer abbekommen hatte. Der andere Zwilling, der unkompliziertere zähe, hatte in einem Bahnhof voller randalierender Hooligans einfach die beiden übelsten Kerle gegeneinander aufgehetzt und war noch schneller zu seinem Ziel gekommen. Obwohl sie die Wette gewonnen hatten, bestand J darauf, sie zum Kongress zu begleiten, weshalb die Zwillinge sie aus Rache in diese Kneipe gelockt hatten, wo sich üblicherweise gesetzlose Tunichtgute aufhielten.

Man möchte meinen, das war eine ziemlich gemeine Aktion von den Zwillingen, aber im Grunde waren es die Schläger, die bestraft wurden. J wirbelte wie ein Sturm zwischen den Männern umher und schlug einen nach dem anderen nieder.

Besonders gefährlich wurde ihr nur ein tätowierter Glatzkopf, der seinen Bewegungen nach zu urteilen beim Militär gewesen war. Er drängte sein hübsches Gegenüber in die Ecke und setzte ihr hart zu. Doch J blieb gelassen und atmete tief durch. Mit einigen schnellen Schritten und einem Wurf, den sie in ihrer Zeit als Ringerin gelernt hatte, schickte sie ihren Gegner zu Boden.

Nachdem sich J den Staub von der Kleidung gewischt hatte, schlenderte sie vergnügt zum Ausgang und ließ die kleine Kneipe hinter sich. Der Wind blies ihr durch das blonde Haar und brachte den erfrischenden Duft des Meeres mit. Auf dem halben Weg zurück in das Dorf begann es zu regnen, und die ohnehin schon wundervoll grün schimmernden Hänge Irlands leuchteten noch intensiver.

Js Transmitter läutete. Sie holte ihn aus ihrer Tasche und las die Botschaft.

Tut uns leid, stand da. Wir haben uns in Schwierigkeiten gebracht. Du hattest Recht. Wir zählen auf dich.

J seufzte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich Mitglieder dieser Familie in Schwierigkeiten brachten. Aber irgendwie schafften sie es jedes Mal, sich da wieder herauszuwinden, und sei es nur durch ein bisschen Hilfe guter Freunde.

Sicherlich würde den Zwillingen nichts geschehen. Immerhin war ihr Bruder der intelligenteste Mensch überhaupt. Und auch wenn er nicht unbedingt der verständnisvollste war – er war immerhin der Retter der Welt.