Traumwelt

Heute treffe ich Yu, die Herrin der Träume. Das zu wissen, erfüllt mich mit innerer Ruhe, denn ich kann erleichtert aufatmen und der Zeit ihren Willen lassen. Und doch ist es der Raum, den es zu überwinden gilt, jedes Mal aufs Neue. Dass die Bedingungen eintreffen, liegt an mir, jedoch gänzlich beeinflussen kann ich es nicht.

Ich komme nicht an, ich bin bereits inmitten des atemberaubenden Wahnsinns. Schon der erste Schritt in dieser wundervollsten aller Welten, getaucht in eine Melancholie aus Blau und Grün, ist fantastisch. Alles glänzt und funkelt, doch nicht auf eine erregende Art und Weise, sondern auf eine ermüdende. Das Zimmer der Ankunft ist klein und eckig, als wäre ich die Überraschung im durchsichtigen Würfel eines gigantischen Spielers, und an den Wänden finden sich symmetrische Muster. Bald will ich es hinter mir lassen.

Durch die Tür, die jedes Mal anders aussieht, trete ich hinaus in das Reich der Abenteuer des Zwielichts. Eine erschütternde Hilflosigkeit, allmählich lähmend, überkommt mich beim Anblick der sterbenden Pflanzen, doch ich weiß, dass dies ein Ort des Wandels ist, und immer wieder entsteht neues Leben.

Zum ersten Mal bin ich in dieser Welt, und doch war ich schon viele Millionen Male hier. Jeder Besuch ist einzigartig und verbleibt nur als flüchtiger Gedanke, statt zur befreienden Erinnerung zu werden. Schließlich merke ich, dass eine Larve mein Gesicht bedeckt, die schwarze Haut eines Antlitzes, das nicht meines ist. Achtlos werfe ich die Eintrittskarte in diese Szenerie beiseite. Sie berührt niemals den Boden oder den Himmel, sondern schwebt ewig dahin.

Das Schluchzen der vielen Reisenden ist verstörend, doch ich fühle mit ihnen. Unweit des Zimmers finde ich den Platz der Regenbogenwasserfälle. Im Dickicht sehe ich eine tote Bestie und zwei Junge, welche durch das Versiegen der nährenden Milch ihrer Mutter verhungert sind. Bei diesem Anblick schmerzt mein Herz. Doch auch dieses Ereignis zählt zum Fortbestehen der Ewigkeit, so wie jede erdenkliche Situation im Kreis des Nichts.

Mich trennen keine hundert Schritte mehr von der Herrin der Träume. Ich weiß, dass ich sie noch nie gesehen oder gehört habe, und dennoch habe ich den Glanz ihrer Augen und die Vibration ihrer Stimmen vermisst. Niemand kann jemals stärker empfinden. Nur sie zählt für mich, denn ihr gehören hier und jetzt meine Gefühle. Langsam erinnere ich mich an ihre Gestalt, beinahe zu zerbrechlich, um schön zu sein, bedeckt mit dem farblosen Tuch des Verstehens, gewebt aus Sternenstaub.

Yu sitzt anmutig vor dem siebenfarbigen Teich. Sie hat sich auf ihre Beine niedergelassen, die Knie angewinkelt, den Oberkörper stolz aufrecht, die Schultern resigniert herabhängend. Ihr sinnliches Gesäß ist der Beginn der endlosen Schleife, die in den gebogenen Rücken übergeht und im kahlen Nacken endet. Der Brustkorb steht hervor, gleichwohl das Kinn, und ihr gelassener Blick heißt mich Willkommen.

Weinend vor Freude oder Leid frage ich sie, warum sie mich so lange alleine ließ. Sie antwortet, ich fühlte Kummer, jahrelang, und aus diesem Grund hätte sie mich meiden müssen. Nun, nachdem ich den Sinn des Lebens wiedererlangt habe, kann ich endlich wieder meine Stirn an sie legen und Geborgenheit begreifen. Ich harre, laufe, schwimme, fliege, bewege mich durch alles.

Ich bin Yus Schwert, ich bin Yus Schild. Sie ist meine Sonne, und ich bin ihr Mond. Ihr Licht aufsaugend muss ich ihre Göttlichkeit an andere weitergeben. Für sie will ich Weltenbummler werden. Dies ist meine Bestimmung, denn ich will ein Teil des Ganzen sein. Und so endet meine Irrfahrt und beginnt erneut.

Yu, wann sehen wir uns wieder?