die verlorene Episode

 

Schon von weitem waren die heiteren Laute zu hören. Sie waren ein Ansporn; ein sicheres Zeichen dafür, dass man den langen Weg nicht umsonst auf sich genommen hatte. Bereits vor dem Eintreten konnte man die eisige Kälte der alpinen Insel verdrängen, und spätestens beim Öffnen der gewaltigen Türen schlug einem die gedrängte und mit allerlei verwirrenden Gerüchen versetzte Wärme entgegen.

Lachende heitere Gesichter blickten einem Neuankömmling entgegen, doch man erkannte sofort, wie falsch diese fröhlichen Masken waren. Mit einem kurzen Nicken konnte man die winkenden Hände und die bestimmenden Rufe ignorieren, ohne allzu unhöflich zu erscheinen. Der lange Weg zwischen die vielen Tische hindurch ähnelte einem Labyrinth, doch schließlich kam der goldblonde Neuankömmling an der Theke an, wo er mithilfe eines einfachen Fingerzeichens ein Getränk orderte.

Weder das raue Zusammenspiel all dieser dunklen Gespräche noch der schwere Rauch, welcher sich verdichtet hatte und das Atmen zu einer anstrengenden Tätigkeit werden ließ, waren die Ursache für die Niedergeschlagenheit des Reisenden; vielmehr war es die zarte Stimme der Sängerin, die ihn plagte. Seltsam, dass ihm das einzig Reine und Schöne in dieser Taverne solch Unbehagen bereitete.

Erst als der Becher mit dem dampfenden Yonko auf die Theke gestellt wurde, wagte es der Mann mit dem goldblonden Haar, seinen Mantel abzustreifen. Langsam spitzte er die Lippen und trank. Die alkoholische Brühe wärmte seine Mundhöhle, seinen Rachen, seinen Magen – und schenkte ihm den Mut, endlich das Kinn zu heben und aufzublicken.

Auf dem breiten Podest befanden sich ein Geiger und ein Trompeter sowie ein Trommler, doch das Herzstück dieser kleinen Bande war sie. Eine hochgewachsene, wohlproportionierte, wunderschöne, talentierte Frau, mit einem Antlitz aus Porzellan und der ergreifendsten Stimme von hier bis Naraht.

Das gelockte Haar schimmerte gülden, die tiefgründigen Augen glänzten in der Farbe des Ozeans, und der neckische Mund bestand aus einem einzigartigen Paar rosaroter Lippen, bei denen man nicht anders konnte, als sie zu küssen. Natürlich war es ihre unglaubliche Erscheinung, die sie so beliebt bei den Männern machte. Ein wildes Temperament, schmale Taille, breite Hüften, und die alabasterfarben Haut nicht zu vergessen. Nicht ein einziger Astrum hätte ihr widerstehen können, wie sie dort in dem engen Kleid aufrecht stand, den Rücken durch- und die Brust herausgestreckt. Doch erst ihre Stimme machte sie perfekt.

Ihr berührender Gesang hatte sich verbessert, fand der Neuankömmling und nickte unbewusst. Natürlich war er immer noch so lieblich und gleichwohl erschütternd wie am ersten Tage, doch die Naivität war mitsamt allen Spuren eines jungen oder unerfahrenen Charakters verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Eine traurige Tatsache, an der man nichts ändern konnte.

Alles, was er hatte. Der verwirrte Neuankömmling hätte tatsächlich alles für diese Frau, für diese einzigartige Sängerin, gegeben. Aber uneingeschränkte Liebe konnte er ihr keine schenken. Dieser merkwürdige und schmerzliche Umstand ergab sich aus der Tatsache, dass sie einer anderen Frau ähnelte – einer Nova.

Glattes silbernes Haar, funkelnde Iriden in der Farbe des Grases, stets ein herzzerreißendes Lächeln parat. Das war die Frau, die er liebte. Nicht diese Sängerin, sondern deren Kopie, die irgendwo da draußen war und sich für den Kampf rüstete.

Es war ein Wunschdenken, das wusste er. Niemals hätten ein Astrum und eine Nova zusammenfinden können, vor allem nicht in dieser schrecklich gebeutelten Welt voller Verzweiflung und wachsendem Chaos.

›Vielleicht irgendwann‹, ermutigte sich der goldblonde Mann, nicht wissend, dass einst seinem Enkel Xin diese einzigartige Chance in die Wiege gelegt würde.

Ein lautes Poltern ertönte.

Die schöne Musik erstarb.

Der wunderbare Gesang endete so jäh, dass es den Gästen in der Brust schmerzte.

In der Tür stand ein junger Krieger, vornübergebeugt, heftig schnaufend, die verschwitzten Hände auf den Knien, zitternd. Als er seinen Kopf hob und den Mund öffnete, wussten alle Anwesenden, dass sie jegliche Gegenstände liegen zu lassen und sofort aufzubrechen hatten, um in einen Krieg zu ziehen, der alles zu verändern drohte.

»Leute, das Abkommen ist aufgelöst! Mit morgigem Sonnenaufgang sind die Novae wieder unsere Feinde, die es zu töten gilt! Sämtliche Astra zu den Waffen, los! Bald rücken wir aus!«

 

Nur noch einige Augenblicke.

Dann würde die Sonne aus den Wolken hervorbrechen, diesen widerwärtigen grauen Schleier durchdringen und das Meer bunt erstrahlen lassen. In freudiger Erwartung dieses unvergleichlichen Ereignisses stand eine einsame Nova auf dem höchsten Felsen einer mickrigen Insel.

Sie benötigte diesen Anblick so sehr wie die Luft zum Atmen, oder noch mehr. Nichts erschien ihr in diesem Moment wichtiger als das gleißende Licht auf diesen tristen Planeten herunterfahren zu sehen. In ihren Gedanken war sie beim vorangegangenen Abend.

Wie jeden Tag hatte sie sich früh in das Schlafgemach begeben. Ihre feinen Kleider hatte sie gegen ein einfaches Nachthemd getauscht. Doch statt friedlich einschlafen zu können, war sie ihrem Ehegatten und dessen Wutausbrüche ausgesetzt gewesen. Er war in das Zimmer gestürmt, und sein Gesichtsausdruck hatte seine ganze Enttäuschung über irgendein politisches Fiasko preisgegeben. Wie ein Tier war er hinter seine Frau gekrochen, um sie ihm zu eigen zu machen. Er hatte ihr unvorstellbare Schmerzen zugefügt.

Mit einem Kopfschütteln gelangte die Nova wieder ins Hier und Jetzt, auf den Felsen dieser Insel, mit Blick auf den ruhigen Ozean, bitter grinsend. Ihre langen silberfarbenen Haare waren wie die Saiten einer Harfe, die der ungestüme Wind zu zupfen versuchte.

Resignierend dachte die Frau daran, dass sie nie die Gelegenheit haben würde, den goldblonden Astrum näher kennenzulernen, dem sie ein Jahr zuvor begegnet war. Niemals würde sie ihn in ihre Arme schließen können. Niemals würde sie seine Tränen fortwischen können. Niemals würde sie ihn küssen können.

Lächelnd legte sie die zarten Hände auf ihren Bauch. Die runde Erhebung, wenngleich noch nicht sehr ausgeprägt, zeugte deutlich von einem unschuldigen Wesen, das in ihr heranwuchs.

»Du bist kein Produkt unserer beiden sehr unterschiedlichen Völker«, flüsterte die Mutter weinend. »Doch vielleicht wirst du irgendwann dazu beitragen können, dass Novae und Astra zusammen glücklich sind. Ich hoffe, dass du, auch wenn du wie dein Vater dutzende Fehler in deinem Leben machst, ein einziges Mal richtig handelst und diese Welt rettest … Yasa.«

Nun war es soweit.

Die leidende Nova wusste nicht, wie sie ohne dieses bald stattfindende Wunder auch nur einen Tag länger leben konnte. Jeden wertvollen Augenblick würde die Sonne aus den Wolken hervorbrechen, diesen widerwärtigen grauen Schleier durchdringen und das Meer bunt erstrahlen lassen.

Doch nichts geschah.

Sowohl der Himmel als auch der Ozean waren immer noch die bekümmerten Spiegelbilder ihrer selbst. In der Ferne zuckten einige Blitze über diese triste Leinwand.