die verlorene Episode

 

Nur noch einige Augenblicke.

Dann würde die Sonne aus den Wolken hervorbrechen, diesen widerwärtigen grauen Schleier durchdringen und das Meer bunt erstrahlen lassen. In freudiger Erwartung dieses unvergleichlichen Ereignisses stand eine einsame Nova auf dem höchsten Felsen einer mickrigen Insel.

Sie benötigte diesen Anblick so sehr wie die Luft zum Atmen, oder noch mehr. Nichts erschien ihr in diesem Moment wichtiger als das gleißende Licht auf diesen tristen Planeten herunterfahren zu sehen. In ihren Gedanken war sie beim vorangegangenen Abend.

Wie jeden Tag hatte sie sich früh in das Schlafgemach begeben. Ihre feinen Kleider hatte sie gegen ein einfaches Nachthemd getauscht. Doch statt friedlich einschlafen zu können, war sie ihrem Ehegatten und dessen Wutausbrüche ausgesetzt gewesen. Er war in das Zimmer gestürmt, und sein Gesichtsausdruck hatte seine ganze Enttäuschung über irgendein politisches Fiasko preisgegeben. Wie ein Tier war er hinter seine Frau gekrochen, um sie ihm zu eigen zu machen. Er hatte ihr unvorstellbare Schmerzen zugefügt.

Mit einem Kopfschütteln gelangte die Nova wieder ins Hier und Jetzt, auf den Felsen dieser Insel, mit Blick auf den ruhigen Ozean, bitter grinsend. Ihre langen silberfarbenen Haare waren wie die Saiten einer Harfe, die der ungestüme Wind zu zupfen versuchte.

Resignierend dachte die Frau daran, dass sie nie die Gelegenheit haben würde, den goldblonden Astrum näher kennenzulernen, dem sie ein Jahr zuvor begegnet war. Niemals würde sie ihn in ihre Arme schließen können. Niemals würde sie seine Tränen fortwischen können. Niemals würde sie ihn küssen können.

Lächelnd legte sie die zarten Hände auf ihren Bauch. Die runde Erhebung, wenngleich noch nicht sehr ausgeprägt, zeugte deutlich von einem unschuldigen Wesen, das in ihr heranwuchs.

»Du bist kein Produkt unserer beiden sehr unterschiedlichen Völker«, flüsterte die Mutter weinend. »Doch vielleicht wirst du irgendwann dazu beitragen können, dass Novae und Astra zusammen glücklich sind. Ich hoffe, dass du, auch wenn du wie dein Vater dutzende Fehler in deinem Leben machst, ein einziges Mal richtig handelst und diese Welt rettest … Yasa.«

Nun war es soweit.

Die leidende Nova wusste nicht, wie sie ohne dieses bald stattfindende Wunder auch nur einen Tag länger leben konnte. Jeden wertvollen Augenblick würde die Sonne aus den Wolken hervorbrechen, diesen widerwärtigen grauen Schleier durchdringen und das Meer bunt erstrahlen lassen.

Doch nichts geschah.

Sowohl der Himmel als auch der Ozean waren immer noch die bekümmerten Spiegelbilder ihrer selbst. In der Ferne zuckten einige Blitze über diese triste Leinwand.